Sogenannter Historikerstreit 2.0: Vergleich der Shoa und kolonialer Verbrechen?

Der «Neue Historikerstreit»

Worum geht es?
Podien und Diskussionen 2022 – 2023
Material für den Unterricht

Worum geht es?

Worum ging es im Historikerstreit

Der linksliberale Philosoph Jürgen Habermas zeigte auf, dass konservative deutsche Historiker, allen voran Ernst Nolte, den Holocaust relativierten. Dies vor allem mit der Behauptung, dass der von den Nationalsozialisten verübte Genozid lediglich eine Reaktion auf und ein Kopieren der unter Stalin begangenen Verbrechen gewesen sei. Die Argumentation von Habermas setzte sich durch. Seine Position, dass der Holocaust einzigartig war und auf der unbestreitbaren deutschen Verantwortung der Deutschen für den Genozid fusst, wurde zum Fokus in der Erinnerungskultur im wiedervereinigten Deutschland.

Anders als in Bezug auf den Historikerstreit aus den 1980er Jahren, bezeichnen die beiteiligten Wissenschaftler:innen die Debatten in Bezug auf die Zeit seit 2020 nicht selber als «Neuen Historikerstreit» oder «Historikerstreit 2.0». Es handelt sich dabei um Bezeichnungen, die vorwiegend im Feuilleton benutzt werden. Zusätzlich werden mit diesen Bezeichungen oft nur ein Ausschnitt der breitgefächterten Debatten bezeichnet. Insbesondere in den ersten ein bis zwei Jahren, wurde dieser «Historikerstreit» vorwiegend im Feuilleton ausgetragen.

1. Phase: Die «Mbembe-Debatte»

2020 konnte man die Debatte im Zusammenhang mit dem Philosophen und politischen Theoretiker Achille Mbembe verfolgen. Zu diesem Zeitpunkt taucht der Begriff «Historikerstreit 2.0» zum ersten Mal auf.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, warf dem Philosophen und politischen Theoretiker Achille Mbembe Antisemitismus vor. So habe Mbembe u.a. einen Vergleich zwischen dem südafrikanischen Apartheidsystem und dem Holocaust gezogen. Dieser Vergleich verbiete sich «angesichts der beispiellosen Verbrechen in der NSZeit und insbesondere angesichts der historischen Verantwortung Deutschlands». Der Holocaust werde auf diese Weise relativiert und das Existenzrecht Israels infrage gestellt.

In der Süddeutschen wird die folgende Aussage Mbembes festgehalten: «Ich respektiere die deutschen Tabus, aber es sind nicht die Tabus aller anderen Menschen auf der Welt. Und dasselbe gilt für die deutsche Schuld.» Mbembe sieht in dem Kampf gegen den globalen Antisemitismus eine Menschheitsaufgabe, aber er behält sich das Recht vor, auf andere Gewalterfahrungen zu verweisen, auf die deutsche Kolonialherrschaft, globale Ausgrenzungstechniken, Lager, Entrechtete.» In einem Artikel Mbembes in der Zeit weist der Autor u.a. den Vorwurf, den Holocaust «verharmlosen» zu wollen vehement zurück, betont die Bedeutung des Kampfes gegen den Antisemitismus und den Neonazismus und schreibt, dass «das Existenzrecht Israels grundlegend für das Gleichgewicht der Welt» sei.

Einerseits findet die Position Kleins in zahlreichen deutschen Zeitungen Unterstützung, andererseits ist die Unterstützung Mbembes aus dem Ausland gross, so verfassten z.B. 700 afrikanische Intellektuelle einen offenen Brief an Angela Merkel.

Die Frage nach der Vergleichbarkeit und Einzigartigkeit des Holocausts steht im Zentrum dieses sogenannten neuen Historikerstreits.

Literatur

Verheerende Folgen für den Wissenschaftsstandort Deutschland? Postkolonialismus und die Causa Mbembe. Andreas Eckert, Zeitgeschichte-online 2021 Link

Artikelliste auf Serdargunes‘ Blog. Wer zuerst… sagt, hat gewonnen: Die Achille Mbembe Debatte – Eine Artikelliste. Link

Chronologie im Perlentaucher: Link

Für den ganzen Zeitraum (2020 – 2023): Ausführliche Artikelübersicht: Memory debates: Erinnerungskultur, Holocaust, Historikerstreit, (Post-)colonialism auf Serdargunes‘ Blog: Link

2. + 3. Phase: «Multidirektionale Erinnerung» / «Katechismus der Deutschen»

Das Buch von Michael Rothbergs «Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung» wurde in Deutschland 2021 kritisch aufgenommen. So wurde Rothenberg z.B. vorgeworfen, dass diese «multidirektionale» Gedenkkultur zu einer Auslöschung der Unterschiede zwischen dem Holocaust und den kolonialen Verbrechen sowie der Preisgebung der Beispielslosigkeit des Holocausts führen würde. Andererseits wurde darauf hingewiesen, dass gerade diese multidirektionale Erinnerung dazu beitragen könnte, nicht in der Sackgasse einer Opferkonkurrenz zu enden habe.

In der nun folgenden Debatte stehen folgende Fragen im Zentrum:

– Bedeutung und Position des Gedenkens an den Holocaust in Deutschland.

– Ist ein Vergleich mit anderen Genoziden sowie die Erweiterung der Gedenkkultur sinnvoll?

– oder führt das dazu, dass die Singularität verneint wird und somit der Holocaust verharmlost wird. Kommt es dabei sogar zu einem Angriff von der postkolonialen Linken und der libertären Rechten auf die Bedeutung des Gedenkens an den Holocaust?

– Muss die Gedenkkultur in Deutschland nicht auch die Veränderung in der Zusammensetzung der Gesellschaft widerspiegeln?

Der Text «Der Katechismus der Deutschen» von Dirk Moses veröffentlicht im Mai 2021 von Geschichte und Gegenwart führte zu einer Intensivierung der Debatte.

Meron Mendel in einem Interview vom 1.4.21: „Jedes historisches Ereignis ist vergleichbar“, betont Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main und nimmt auch den Holocaust davon nicht aus. Trotzdem bleibe der Holocaust als Ereignis singulär und sei daher mit keinem anderen historischen Ereignis gleichzusetzen.»

Literatur: Sammelbände, Rückblick auf die Debatte

Einen Rückblick auf die Debatte auf bpb ( April 2022): Holocaust, Kolonialismus und NS-Imperialismus. Wissenschaftliche Forschung im Schatten einer polemischen Debatte von Frank Bajohr und Rachel O’Sullivan

Inzwischen wurden zahlreiche Debattenbeiträge und Positionen in Sammelbänden publiziert. Zwei dieser Publikationen sind Jenseits von Mbembe. Geschichte, Erinnerung, Solidarität, herausgegeben von Matthias Böckmann, Matthias Gockel, Reinhart Kößler und Henning Melber im Oktober 2022, und der Band Historiker streiten. Gewalt und Holocaust – die Debatte, herausgegeben von Susan Neiman und Michael Wildt im September 2022.

Rezension zu den zwei Sammelbänden: Thomas Pegelow Kaplan: Rezension zu: Neiman, Susan; Wildt, Michael (Hrsg.): Historiker streiten. Gewalt und Holocaust – die Debatte. Berlin 2022. Böckmann, Matthias; Gockel, Matthias; Kößler, Reinhart; Melber, Henning (Hrsg.): Jenseits von Mbembe. Geschichte, Erinnerung, Solidarität. Berlin 2022. H-Soz-Kult 2023. Link

Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus – Alte und neue Definitionen – Eine Artikelsammlung Link. Serdargunes‚ Blog

Literatur: Auswahl an Texten aus dem Feuilleton (2021), Podien

Zimmerer, Jürgen und Michael Rothberg. Enttabuisiert den Vergleich. Die Zeit. 14.4.2021. Link

Moses, Dirk. Der Katechismus der Deutschen. Geschichte der Gegenwart. 23.5.2021 Link

Kaube, Jürgen. Die Gleichmacher. FAZ. 14.6.2021. Link

Frei, Norbert. Was sie stört. Süddeutsche. 17.6.2021. Link

Friedländer, Saul. Ein fundamentales Verbrechen. Zeit-online, 7.7.21. Link

Conrad, Stefan. Erinnerung im globalen Zeitalter: Warum die Vergangenheitsdebatte gerade explodiert. Merkur. 26.7.2021. Link

Ribi, Thomas. Die Globalisierung verändert die Vergangenheit – das zeigt die Debatte um Holocaust und Kolonialismus. NZZ. 30.8.2021. Link

Habermas, Jürgen. Der neue Historikerstreit. Philosophie Magazin. 9.9.2021. Link

Michael Rothberg. Holocaust und Kolonialismus: Wissenschaftler müssen vergleichen. Berliner Zeitung vom 8.2.22 Link

Chronologie im Perlentaucher Link

Beispiellos oder vergleichbar? – Der Streit um das Holocaust-Gedenken. Diskussion auf SWR2 vom 18.1.2022: Gregor Papsch diskutiert mit
Prof. Dr. Norbert Frei, Historiker, Universität Jena
Prof. Dr. Sybille Steinbacher, Historikerin, Universität Frankfurt a.M. und Direktorin des Fritz Bauer Instituts
Prof. Dr. Jürgen Zimmerer, Historiker, Universität Hamburg und Leiter der „Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe»

4. Phase

2022 ist u.a. geprägt durch die Debatte im Zusammenhang mit der documenta 15 und dem Skandal um antisemitische Darstellungen u.a. im Werk «peoples justice» von Taring Padi.

Andererseits wurde z.B. an der Tagung im Juni 22 Hijacking Memory. Der Holocaust und die Neue Rechte die Debatte unter 40 Wissenschaftler:innen geführt. Im Zentrum stand das Thema des Missbrauch der Erinnerung und den Kampf gegen Antisemitismus. Artikel dazu in der SZ «Ein fairer Streit, endlich»

Symposium: Kontroverse documenta fifteen – Hintergründe, Einordnungen und Analysen, Hochschule für bildende Künste, Hamburg, Februar 23. Keynote: Ambiguitätstoleranz auf dem Prüfstand. documenta fifteen und die jüdische Frage, Natan Sznaider, Mittschnitt Link

Zu weiteren Podien und Tagungen 2022 und 2023 siehe unten.

«Es geht eben wirklich um etwas»: Leiden die Deutschen an «kolonialer Amnesie»? Konkurriert die Erinnerung an die Kolonialverbrechen mit dem Holocaust-Gedenken? Und was ist schiefgelaufen bei den Verhandlungen um Wiedergutmachung in Namibia? Ein Gespräch mit dem Historiker Jürgen Zimmerer. Interview: Markus Flohr und Frank Werner für Zeit-online, 29.9.23 Link

Im November 2021 begann eine Online-Veranstaltungsreihe unter dem Titel «Erinnern als höchste Form des Vergessens? Der Holocaust im Diskurs des 21. Jahrhunderts». Alle Links finden sich unter: www.linktr.ee/erinnern2021. Der Sammelband von 2023 siehe unter Literatur unten.

Oktober 2023: unter den linden: Der neue Historikerstreit – Erinnerungskultur im Postkolonialismus. Prof. Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist , Prof. Jürgen Zimmerer, Historiker. Aufzeichnung auf youtube

Januar 2024: taz Talk zu Erinnerungskultur Historikerstreit 2.0. Was wollen wir erinnern? Ein taz-Gespräch mit Lars Rensmann und Ingo Elbe zur deutschen Erinnerungskultur. Link, Aufzeichnung auf Youtube

Lindner, Urs. Wege aus der Dichotomie (Postkolonialismus und Shoa-Forschung). Taz 2.4.24.

Zimmerer, Jürgen. Von Windhuk nach Auschwitz? Kolonialismus und Erinnerung. Veranstaltungsreihe Globale Geschichten, Frühjahr 2024

Perspektivwechsel – Erinnerungskultur. Zwei Historiker diskutieren: Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, und Jürgen Zimmerer, Afrikawissenschaftler und Professor für Globalgeschicht. BR2, Podcast 7.6.24 Link

Literatur:

– «Erinnern als höchste Form des Vergessens? (Um-)Deutungen des Holocaust und der „Historikerstreit 2.0“. Hsg. Stephan Grigat, Jakob Hoffmann, Marc Seul und Andreas Stahl. 2023 Verbrecher Verlag.

– Meron Mendel. Über Israel reden Eine deutsche Debatte. Kiepenheuer und Witsch 2023.

– Meron Mendel. Singularität im Plural. Kolonialismus, Holocaust und der zweite Historikerstreit. Weinheim Basel 2023.

– Jürgen Zimmerer Hsg.. Erinnerungskämpfe. Neues deutsches Geschichtsbewusstsein. Reclam 2023.

– Jens-Christian Wagner. Historikerstreit 2.0? Zur Debatte um das Wechselverhältnis zwischen Shoah- und Kolonialismus-Erinnerung. Stiftung Gedenkstätten 2022.  Link

– Charlotte Wiedmann. Den Schmerz der Anderen begreifen – Holocaust und Weltgedächtnis. 2022.

– Natan Sznaider. Fluchtpunkte der Erinnerung Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus. bpb 2022. Link

– Interview mit Natan Sznaider. Parallelen treffen sich in der Unendlichkeit, 15.5.22 DLF. Link

Podien und Diskussionen 2022 – 2023

Beyond: Internationale Konferenz, Sept. 2022. Frankfurt University of Applied Sciences

Thema der Konferenz: «Die Diskussionen um die Gleichzeitigkeit einer kollektiven Erinnerung an den Holocaust und den Kolonialismus werden in der bundesdeutschen Öffentlichkeit derzeit unter dem Schlagwort Historiker*innenstreit 2.0 verhandelt. Rund um das Konzept einer Multidirektionalen Erinnerung (Michael Rothberg) wird die grundsätzliche Frage nach der Präzedenzlosigkeit des Holocaust wieder neu gestellt. Zur Disposition steht zudem, wer sich an der Gestaltung einer pluralen Erinnerungskultur in Deutschland beteiligen darf und wessen Perspektiven zählen. Die Konferenz hat zum Ziel, jenseits von Opferkonkurrenzen die Frage zu erörtern, wie es angesichts der deutschen Geschichte und postmigrantischer Realitäten möglich ist, eine inklusive Erinnerungskultur zu gestalten.» Link

Ausführlicher Tagungsbericht (11 Seiten) von Katharina Trittel Link

Die ganze Tagung kann als Mitschnitt auf youtube geschaut werden: Link

«Umkämpftes Erinnern. Gedenken an Nationalsozialismus und Kolonialismus»: Blickwinkeltagung der Bildungsstätte Anne Frank 19. – 20. Juni 2023:

Konferenz mit der Bildungsstätte Anne Frank. 19. und 20. Juni 2023. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Thema (Post-)Kolonialismus. Denn die Fragen nach der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit, ihren realen Folgen in der Gegenwart und die Beziehung von Holocaust und Kolonialismus in der kollektiven Erinnerung sind zentral und müssen jetzt – jenseits von Opferkonkurrenzen – geführt werden. Link

Keynote von Prof. Dr. Teresa Koloma Beck (Soziologin und Konfliktforscherin)

Die folgenden Texte stammen vom Twitter-Account der Bildungsstätte Anne Frank (gepostet 19.6.23)

Teresa Koloma Beck macht in ihrer Keynote auf eine große Schwierigkeit der Debatte aufmerksam: Die Begegnung zweier sehr unterschiedlicher Perspektiven. Die der Nachfahren der Opfer &  die der Nachfahren der Täter*innen. Und diese Perspektiven haben ungleich viel Einfluss.

«Die Perspektive der Unterdrückten & ihrer Nachfahren gilt als kompromittiert: Oft heißt es, für eine nüchterne Analyse fehle ihr die Distanz. So sind es ausgerechnet die Täter*innen & ihre Nachfahren, die Unbefangenheit für sich beanspruchen können», so Teresa Koloma Beck.

Teresa Koloma Beck weist darauf hin, dass der Erinnerungsdiskurs unter asymmetrischen Bedingungen stattfindet: “Vielleicht sitzen wir alle am selben Tisch, doch während einige zwischen Sitzgelegenheiten wählen und wechseln können, sitzen andere auf wackeligen Hockern.”

Die Keynote kann hier angeschaut werden

Podium: Synergie vs. Konkurrenz: Postkolonialismus und Holocausterinnerung mit Micha Brumlik, María do Mar Castro Varela, Verena Haug, Jürgen Zimmerer, Moderation: Meron Mendel

Zentrale Frage für das fünfköpfige Podium: Wenn es theoretisch keine Konkurrenz geben müsste, warum tritt sie immer wieder in Diskursen auf?

Jürgen Zimmerer sagt, es gibt ein Ungleichgewicht in der Erinnerung an Holocaust und Kolonialismus: “Es ist keine Konkurrenz, sondern umkämpfte Erinnerung, weil beide gegen gesellschaftliche Widerstände erkämpft werden müssen. Und die Widerstände konzentrieren sich jetzt stärker auf den Kolonialismus, weil es bisher für Politiker der Mitte nicht möglich ist, den Holocaust in Frage zu stellen oder zu leugnen. Deshalb konzentrieren sich die revisionistischen Debatten auf den Kolonialismus”

Auch Verena Haug sieht die Gemeinsamkeit beider Erinnerungskulturen darin, dass sie erkämpft werden müssen. Sie zieht die MEMO-Jugendstudie heran, die belegt, dass sich Jugendliche für Kolonialismus interessieren, «er aber in der deutschen Gesellschaft kaum repräsentiert ist.»
Micha Brumlik betont noch einmal, was den Holocaust vom Kolonialismus unterscheidet: «Keine koloniale Politik hatte die Absicht eine Bevölkerungsgruppe ganz und gar zu vernichten. Kolonialisten kam es immer darauf an, die unterworfenen Völker auszubeuten und zu unterdrücken.”
Das Podium kann hier angeschaut werden.
Historikertag

Das Thema war auch am und parallel zum Historikertag in Leipzig auf zwei Podien präsent.

Die Debatte um Kolonialismus und Holocaust revisited, moderiert von C. Emcke und M. Wildt. Link

Erinnerungskämpfe. Neues deutsches Geschichtsbewusstsein. Diskussion von J. Zimmerer mit Autor:innen des neuen Buches mit demselben Namen. Link

Ein neuer »Historikerstreit«? Erinnerungskämpfe im Zeichen des Holocaust (Sept. 23)

Podium im Theater Kampnagel in Kooperation mit der Universität Hamburg, Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe, 27.9.23 (Aufzeichnung) Moderation: Jürgen Zimmerer und Tania Mancheno Link

Meron Mendel und Dirk Mosse diskutieren u.a. über den Text «Katechismus der Deutschen»

DFL, 27.9.23 zur Diskussion: Neuer Historikerstreit? Meron Mendel und Dirk Moses diskutieren über Holocaust. Alex Schröders siebenminütiger Rückblick auf die Diskussion, in der z.T. die Wogen hoch gingen. Link

2024 – 2026

Projekt «Verflochtene Erinnerungen»

«Das Projekt „Verflochtene Erinnerungen“ setzt sich mit der Erinnerung an die Shoah und die Verbrechen des Kolonialismus auseinander – und daran, wie sie miteinander verbunden sind. Dafür haben sich im Juli 2024 vier internationale Partner*innen mit Kurator*innen aus dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst Berlin, aus der Stiftung Humboldt Forum und weiteren Menschen aus der Berliner Stadtgesellschaft für zehn Tage getroffen. Ihr Ziel war es, Vermittlungsformate zur Erinnerung an Kolonialismus und Shoah zu entwickeln, die spezifisch nicht nur auf die Sammlungen des Ethnologischen Museum, sondern auch auf den Ort Humboldt Forum im Berliner Schloss eingehen.» (Podcast Gegen die Gewohnheit, 25.10.24)

Postkolonialismus und Antisemitismus

Am 12.6.2024 im Martin-Luther-King-Haus in Speyer fand die Tagung zum Thema „Postkolonialismus und Antisemitismus“ statt. LAG-Sprecher Frank-M.Hofmann nahm teil. Referent:innen waren Prof. Dr. Doron Kiesel vom Zentralrat der Juden in Deutschland, Mariette Nicole Afi Amoussou von der Schwarzen Akademie Mannheim und Dr. Uwe Gräbe vom Evangelischen Missionswerk Stuttgart. Link

Das Gedächtnis des Klassenzimmers: Multidirektionales Erinnern in Grazer Schulen (Projekt 2024 – 2026)

«Der Historikerstreit 2.0 stellt den Ausgangpunkt für das Projekt „Das Gedächtnis des Klassenzimmers. Multidirektionales Erinnern in Grazer Schulen“ dar. Dabei wird zunächst durch Lehrplan- und Schulbuchanalysen sowie Leitfrageninterviews mit Lehrpersonen erhoben, welche zeithistorischen Narrative in Grazer Schulen unterrichtet werden. Anschließend wird in lebensgeschichtlichen Interviews, die von den beteiligten Schülerinnen und Schülern mit ihren Eltern und Großeltern geführt werden, empirisch erhoben, welche historischen Erzählungen in den Familiengedächtnissen vorhanden sind. Ausgehend von diesen Interviews wird gemeinsam mit den Jugendlichen eine Wanderausstellung zum „multidirektionalen Erinnern in Grazer Schulen“ gestaltet sowie eine Buchpublikation, die der erwarteten Vielstimmigkeit der Erinnerung Rechnung trägt, erarbeitet.» Link

Perspektivwechsel – Erinnerungskultur

Sollen der Kolonialismus, die Einwanderungskultur und die Demokratiegeschichte staatlich verantwortete Erinnerungsthemen sein? Wenn es nach Kulturstaatsministerin Claudia Roth geht, ja. Wenn es nach den Gedenkstätten an die NS-Verbrechen und an das SED-Unrecht geht, nicht. Zwei Historiker werfen ihre Perspektiven auf die Debatte: Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, und Jürgen Zimmerer, Afrikawissenschaftler und Professor für Globalgeschicht. BR 2, Podcast 7.6.24.

Holocaust und (Post-)Kolonialismus, Montagsdebatte „Macht und Erinnerung“

Wie sind Holocaust und Kolonialismus als historische Phänomene einzuordnen, was verbindet und was unterscheidet sie? In welcher Hinsicht kann die Aufarbeitung des Kolonialismus von Erkenntnissen der Holocaustforschung und -vermittlung profitieren, und umgekehrt? Wie kann ein Austausch zwischen Holocaustforschung und postkolonialer Theorie gelingen, der über den „Historikerstreit 2.0“ hinausgeht? Wie ist mit Erinnerungskonkurrenzen umzugehen? Über diese Fragen disku­tie­ren in dieser Ausgabe der Montagsdebatte Prof. Dr. Sebastian Conrad (FU Berlin) und Dr. Rachel O’Sullivan (Institut für Zeitgeschichte München–Berlin) mit Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum (Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin). Aufzeichnung (30.12.24) Link

Literatur

Miller, Erik. «Von der Einzigartigkeit zur Multidirektionalität» – Probleme des gegenwärtigen Singularitätsverständnisses am Beispiel von Michael Rothbergs Konzept der multidirektionalen Erinnerung. Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung, Jg. 4, Heft 1/2024, 90–104. Link

Material für den Unterricht

Material für den Unterricht:

Auf der Webseite der KZ-Gedenkstätte Neugamme gibt es umfangreiche Unterlagen zum Thema «Verflechtungen zwischen kolonialem und rassistischem Denken und Handeln im Nationalsozialismus».

Unter dem Titel «Thema und Ziel» steht:

«Im Rahmen des Projekts wurden Online-Materialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit entwickelt. Mit dem Schwerpunkt auf Biografien von People of Color legen diese Materialien Verflechtungen zwischen kolonialem und rassistischem Denken und Handeln im Nationalsozialismus frei und verknüpfen damit die bis heute weitgehend voneinander getrennten Geschichtsnarrative zu Kolonialismus und Nationalsozialismus. Die Geschichte des Nationalsozialismus wird auf diese Weise in einen transnationalen und globalgeschichtlichen Kontext eingebettet. Die Materialien sollen zu einer rassismuskritischen Sensibilisierung beitragen und Anstöße für eine multiperspektivische und inklusive Erinnerungskultur geben.» Link zu den Materialien

Zur Frage nach einer Verbindung von kolonialen Verbrechen, z.B. in Namibia, und dem Holocaust siehe z.B. Jonas Kreienbaum auf bpb. Dieser Text (10.2021) bietet einen guten Einstieg in diese Thematik. Link

Stolpersteine in Berlin: Martha Ndumbe Link

Zitate aus der Diskussion «Beispiellos oder vergleichbar?» Der Streit um das Holocaust-Gedenken. Diskussion auf SWR2 (2021)

„Wir brauchen eine Erweiterung der Erinnerungskultur. Man kann die Singularität der Shoah herausstellen und trotzdem sagen: es gibt Vorläufer auch im Kolonialismus.“

Prof. Jürgen Zimmerer, Globalhistoriker, Universität Hamburg

„Hinter der Behauptung vom angeblichen Tabu des Vergleichs steht das Interesse, die Besonderheit des Holocaust im Verhältnis zu anderen Verbrechen des 20. Jahrhunderts einzuebnen.“

Prof. Sybille Steinbacher, Historikerin, Universität Frankfurt

Links und Literatur

– Singularität im Plural. Kolonialismus, Holocaust und der zweite Historikerstreit. Hsg. Meron Mendel. 2023. Link

– Saba-Nur Cheema. Erinnern ohne Konkurrenz. Shoah und Kolonialismus in der historisch-politischen Bildungsarbeit. In: Erziehungswissenschaften dekolonisieren. Theoretische Debatten und praxisorientierte Impulse. Hsg. Yaliz Akbaba und Alisha M.B. Heinemann. Weinheim 2023. S. 388 – 396. Link

– Frank Bajohr, Rachel O’Sullivan. Holocaust, Kolonialismus und NS-Imperialismus Wissenschaftliche Forschung im Schatten einer polemischen Debatt. bpb 2022. Link «Ist der Holocaust singulär oder gibt es Kontinuitätslinien zwischen Kolonialismus und Holocaust? Diese Frage hat in den letzten Jahren um einen Streit in der Ausrichtung der deutschen Erinnerungskultur geführt. Dabei vertreten beide Seiten erinnerungskulturelle Anliegen, die sich keineswegs ausschließen.» Eine längere Version dieses Beitrags erschien zuerst in der Zeitschrift «Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (Band 70 Heft 1)»

– Geschichten im Wandel. Neue Perspektiven für die Erinnerungskultur in der Migrationsgesellschaft. Hg. Viola B. Georgi, Martin Lücke u.a. Transcrip 2022.

– Charlotte Wiedmann. Afrikanische Perspektiven auf Holocaust und Erinnerung. Ein Essay über Weltgedächtnis, Prestige und Opferhierarchien. Geschichte und Gegenwart 2022. Link

– Jonas Kreienbaum. Koloniale Ursprünge? Zur Debatte um mögliche Wege von Windhuk nach Auschwitz. bpb 2021. Link